Drei Tage, 30 parallele Themen-Streams, mehr als 40 Vorträge und Talks und renommierte Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Technologie: Der LEARNTEC Kongress vom 5. bis zum 7. Mai 2026 kratzt nicht nur an der Oberfläche. Er geht den aktuellen Herausforderungen in der digitalen Bildung auf den Grund.
Warum wir klicken, was uns wütend macht
Was sind die wichtigsten und wirksamsten Mechanismen von Algorithmen in Bezug auf das Denken?
Ada Rhode: Algorithmen nutzen bekannte Mechanismen der menschlichen Wahrnehmung. Menschen reagieren besonders stark auf negative Emotionen wie Wut oder Empörung. Außerdem halten wir Informationen eher für wahr, wenn wir sie häufig hören – selbst dann, wenn Fakten dagegensprechen.
Soziale Medien verstärken diese Effekte, indem sie Inhalte bevorzugen, die starke Emotionen auslösen. Dadurch erhalten solche Inhalte mehr Aufmerksamkeit und werden häufiger verbreitet.
Welche Rolle spielt der "Confirmation Bias" dabei?
Ada Rhode: Der Confirmation Bias beschreibt die Tendenz, Informationen zu glauben, die unsere bestehenden Überzeugungen bestätigen. Hinweise, die unseren Annahmen widersprechen, ignorieren wir eher oder halten sie für unglaubwürdig.
Algorithmen verstärken diesen Effekt, weil sie bevorzugt Inhalte anzeigen, die zu unserem bisherigen Verhalten und unseren Interessen passen.
Wie schätzen Sie das Ausmaß der Desinformation ein, das auf der Wirkung von Algorithmen beruht?
Ada Rhode: Mehrere Entwicklungen tragen zur Verbreitung von Desinformation bei. Die Menge digitaler Informationen wächst stark, während unsere Aufmerksamkeit begrenzt ist. Deshalb wählen Algorithmen Inhalte für uns aus.
Dabei orientieren sie sich an unserem Verhalten: Klicks, Kommentare oder die Zeit, die wir mit einem Beitrag verbringen. Inhalte, die starke Reaktionen auslösen, werden häufiger angezeigt.
Zusätzlich verbreiten politische oder wirtschaftliche Akteure gezielt polarisierende Botschaften oder Falschinformationen. Wenn solche Aussagen häufig wiederholt werden oder zu bestehenden Überzeugungen passen, hinterfragen Menschen sie seltener.
Oft haben wir auch nicht die Zeit, noch einmal in Ruhe nachzudenken oder Informationen zu überprüfen. Wir treffen die meisten Entscheidungen intuitiv.
Sie bezeichnen sich als Zukunftsdesignerin. Wie müssten sich Ihrer Ansicht nach Algorithmen verändern, um aus den heute verfügbaren Social Media-Anwendungen konstruktiv vielseitig bereichernde Medienanwendungen zu machen?
Ada Rhode: Die Bezeichnung "Zukunftsdesignerin" hängt mit meinem Studium zusammen. Ich habe 2024 an der Hochschule Coburg den berufsbegleitenden Masterstudiengang Zukunftsdesign abgeschlossen. Der Begriff beschreibt einen Ansatz, bei dem man gesellschaftliche oder technologische Entwicklungen analysiert und daraus Gestaltungsmöglichkeiten für die Zukunft ableitet.
Im Studium habe ich gelernt, Probleme systematisch zu analysieren und nach ihren Ursachen zu fragen, statt nur Symptome zu behandeln. Ein wichtiger Ansatz ist dabei das menschenzentrierte Design: Man fragt zuerst, welche Bedürfnisse Menschen tatsächlich haben und wie Technologien so gestaltet werden können, dass sie ihnen im Alltag helfen.
Algorithmen, die einem konstruktiven Prinzip folgen, könnten so gestaltet werden, dass sie nicht nur die Aufmerksamkeit maximieren, sondern auch die Qualität öffentlicher Diskussionen verbessern. Dazu könnten Plattformen stärker Inhalte hervorheben, die Lösungen beschreiben, unterschiedliche Perspektiven zeigen oder sachliche Diskussionen fördern.
Außerdem könnten sie Nutzenden häufiger Beiträge anzeigen, die nicht vollständig mit ihren bisherigen Ansichten übereinstimmen. Dadurch würden Menschen leichter mit anderen Perspektiven in Kontakt kommen. Denn das ist notwendig, damit wir als Gesellschaft aushandeln können, wie wir miteinander leben wollen.