Social Media: Unsicherheit bei jeder zweiten Lehrkraft
Die Befragung zeigt: Die Nutzung von Social-Media und die damit verbundenen Folgen haben den Schulalltag längst durchdrungen. Die Hälfte der Lehrkräfte braucht mehr Unterstützung, 5 Prozent fühlen sich sehr sicher, sie haben klare Strategien und Handlungsroutinen, und 40 Prozent fühlen sich sicher genug, um mit den meisten Konfliktsituationen in Bezug auf Social Media umgehen zu können.
Für 79 Prozent der Befragten ist suchtähnliches Nutzungsverhalten ihrer Schülerinnen und Schüler die größte Herausforderung.
Bereits Anfang 2026 hatten sich 2.012 Jugendliche für die Trendstudie "Jugend in Deutschland 2026" selbst eingeschätzt: 60 Prozent zeigten demnach suchtähnliches Verhalten – aus Sicht der Lehrkräfte ein noch zurückhaltend gezeichnetes Bild, wie die aktuelle Umfrage von DPhV und Lehrer-Online zeigt.
Was die Umfrage auch offenbart: 70 Prozent der Befragten kämpfen regelmäßig gegen Ablenkung durch Handys im Unterricht, 63 Prozent sind mit Cybermobbing, Sexting oder Cybergrooming konfrontiert und für ebenfalls 63 Prozent sind Themen wie Hate Speech und Desinformation längst schulischer Alltag.
Gleichzeitig erkennt mehr als die Hälfte (57 Prozent) der Lehrkräfte mangelnde Medienkompetenz bei den Lernenden und 22 Prozent der Befragten berichten von Herausforderungen in der Kommunikation bezüglich Social Media mit den Eltern der Schülerinnen und Schüler.
DPhV-Bundesvorsitzende Prof. Dr. Susanne Lin-Klitzing: "Lehrkräfte erleben täglich, wie Schülerinnen und Schüler in Suchtmechanismen gefangen sind, wie Mobbing über Nacht aus dem Netz in den Klassenraum wandert, wie Falschinformationen Unterrichtsgespräche vergiften. Das ist keine pädagogische Randnotiz – vielmehr braucht es eine politischgesamtgesellschaftliche Strategie, die zum Beispiel auch Eltern schon in der Grundschule einbezieht und für ihr eigenes Nutzungsverhalten und somit auch das ihrer Kinder sensibilisiert."
Besonders alarmierend ist der Befund zur Handlungssicherheit: Wenn Social-Media-Konflikte eskalieren – bei Cybermobbing, Fake News oder Cybergrooming – fühlen sich 50 Prozent der Lehrkräfte unsicher und zum Teilhilflos. Lin-Klitzing: "Gerade in Krisen – wenn ein Kind gemobbt wird, wenn jugendgefährdende Inhalte kursieren oder die Kommunikation mit den Eltern eskaliert – brauchen Schulen und Lehrkräfte klare Handlungsgrundlagen und Rechtssicherheit. Wer von Lehrkräften erwartet, dass sie solche Social-Media-Krisen allein managen können, muss zu Recht enttäuscht werden."
Damit Schulen und ihre Lehrkräfte für Schutz, Teilhabe und Befähigung von Schülerinnen und Schülern im Umgang mit Social-Media sorgen können, erwarten 68 Prozent der Befragten schuleinheitliche Regeln und Konzepte, also verbindliche, schulgemeinschaftlich getragene Rahmenregelungen. Dr. Silvie Kruse, Bereichsleiterin Lehrer-Online: "Jede Schule braucht ein Social-Media-Konzept, weil soziale Netzwerke längst zentraler Lebensraum von Heranwachsenden sind: Jugendliche sind im Schnitt fast vier Stunden täglich online, Messenger und Social Media gehören zur Lebenswelt dazu. Viele Schulen gestalten Medienbildung bereits aktiv – doch ohne einheitliches Konzept bleibt das Stückwerk statt bundesweiter Standard.“
Zudem wünscht sich mehr als jede zweite befragte Lehrkraft (59 Prozent) fundiertes Rechtswissen zu Datenschutz, Urheberrecht und Strafbarkeit und pädagogisch-präventive Ansätze zur Vermittlung von Medienkompetenz (53 Prozent), 41 Prozent würde es konkret helfen, wenn sie mehr technisches Wissen zu Plattformen hätten (Welche werden von jungen Menschen genutzt und wie funktionieren sie?), ein knappes Drittel (29 Prozent) fordert explizit psychologische Unterstützung bei belastenden Fällen.
Lin-Klitzing: "Die Schulen dürfen mit diesem gesamtgesellschaftlichen Problem nicht allein gelassen werden, doch unser Ruf nach einer schulpsychologischen Fachkraft pro Schule wird bis heute nicht konsequent umgesetzt."