New Learning Lab

Content Curation bewirkt eine Veränderung der Lernkultur

Stefan Diepolder Karlsruhe/Wiesbaden, April 2025 - Seit der ersten Stunde der internationalen Curation-Bewegung ist Stefan Diepolder ein aktiver Promoter und Mitgestalter dieser Future Skills. Weit über 100 Curation Sessions hat er seither gecoacht. Als Co-Founder des New Learning Lab wird er am Mittwoch, den 7. Mai um 10.45 mit den Besucher:innen des LEARNTEC Kongresses seine Erkenntnisse teilen.

Welche Bedeutung messen Sie Content Curation heute zu?

Stefan Diepolder: Content Curation oder besser gesagt ein kuratierendes Mindset der Mitarbeitenden in Organisationen halte ich heute für wichtiger und relevanter denn je. Kuratieren hilft uns, mit der überwältigenden Flut an verfügbaren Informationen, Ideen und Möglichkeiten effizient umzugehen und relevante Inhalte gezielt herauszufiltern.

Gerade in einer Zeit, in der wir mit Hilfe von KI jede Art von Medium in Minutenschnelle erstellen, analysieren und publizieren können, macht menschliche Expertise den Unterschied. Wenn wir Inhalte kuratieren, nutzen wir unsere einzigartigen Perspektiven, indem wir als menschliche Filter Informationen, Methoden und Werkzeuge gezielt auswerten, sie auf Relevanz, Wahrheitsgehalt und Wichtigkeit prüfen und für uns einen Sinn erschließen, der wiederum einen wertvollen Lerneffekt auslöst.
Wir bewerten und teilen die Essenz mit unseren Kolleg:innen und geben ihnen so die Möglichkeit, sich gezielt in unserem Bereich zu informieren und weiterzubilden. Sie müssen nicht zeitaufwändig nach guten und richtigen Quellen und Ressourcen suchen, da sie sich auf uns Kurator:innen verlassen können, die wir mit unserem Namen und unserer Reputation für die Qualität der Inhalte stehen.
Dieses Vertrauen in die Kolleg:innen ist ein entscheidender Vorteil gegenüber KI-Systemen und der Mechanismus ist u.a. sehr effektiv bei der Bereitstellung von Lernpfaden und Lernplänen sowie Lern- und Learning Experience Plattformen.

Sollte sie eher intern oder extern erfolgen? Was hat welche Vorteile?

Stefan Diepolder: Sowohl die interne als auch die externe Kuratierung haben ihre Vorteile. Die interne Kuration ist besonders wertvoll, um aktuelle und relevante Themen aus der Sicht des Unternehmens herauszufiltern und in einen Kontext zu stellen und fördert die interne Kommunikation und Zusammenarbeit.
Nehmen Sie zum Beispiel das derzeit alles dominierende Thema KI: Eine von einem Team unternehmensinterner KI Expert:innen gepflegte und prominent präsentierte Landingpage bringt die wichtigsten Themen tagesaktuell auf den Punkt. Welche Tools kann ich einsetzen? An wen kann ich mich wenden? Welche Weiterbildungsmöglichkeiten gibt es? Wie kann ich meine ersten Schritte machen? Welche erfolgreichen Use Cases gibt es bereits?
Im Idealfall muss ich gar nicht mehr extern auf Informationssuche gehen und bekomme trotzdem alle wichtigen und relevanten Informationen und Ressourcen, sogar mit Unternehmenskontext, passgenau präsentiert. Diese müssen von mir als Laien, der keine inhaltliche Expertise hat, nicht mehr verifiziert werden, da dies die internen Expert:innen bereits getan haben. Was für eine Erleichterung!

Externes Kuratieren außerhalb der eigenen Blase bringt frische Perspektiven und neue Trends ins Unternehmen und steigert die Innovationsfähigkeit. Sie stärkt den organisationsübergreifenden Austausch und generiert neue Impulse und Ideen. Ich persönlich erlebe das täglich in meiner Community New Learning Lab, wo im Moment ca.160 lernbegeisterte Menschen aus unterschiedlichsten Hintergründen und Organisationen gemeinsam kuratieren und selbstorganisiert voneinander und miteinander lernen.
Besonders beeindruckend ist dabei, wie schnell und effektiv neue Ideen, Lösungen und Synergien entstehen, wenn man beginnt, die eigene Arbeit und die Herausforderungen in einem geschützten Raum zu teilen.
Ich halte eine Kombination beider Ansätze für ideal, weil dadurch ein ausgewogenes Wissensökosystem entsteht. So können Unternehmen sowohl von internem Know-how als auch von externen Entwicklungen profitieren.

Welchen Aufwand bedeutet das für ein Unternehmen?

Stefan Diepolder: Content Curation erfordert insbesondere in der Anfangsphase einen gewissen Aufwand, um Systeme, Mechanismen und Prozesse zu etablieren.
Mitarbeiter:innen interagieren täglich mit Informationen und Personen, entwickeln Ideen und Lösungen und verrichten wertschöpfende Arbeit. Oft führen sie bereits unbewusst Teile des Kurationsprozesses durch. Wenn sich die Mitarbeitenden auf ihre Expertise konzentrieren, relevante Teile ihrer Arbeit und wertvolle Informationen kontextualisieren, dokumentieren und proaktiv teilen, entsteht ein lebendiges Wissensökosystem, ohne den Einzelnen zu überfordern.
Es ist nicht nötig, alle Mitarbeitenden zu aktiven und leidenschaftlichen Kurator:innen ausbilden zu lassen. Sinnvoll ist es, mit einer "Allianz der Willigen" die Mechanismen der Content Curation zu erproben und aktiv an eigenen Themen umzusetzen. Dies kann z.B. sehr gut mit der inhaltlichen Pflege einer Learning Experience Plattform verbunden werden. Das Mindset des Teilens von Wissen, der gegenseitigen Empfehlung und des Austauschs wird so in weite Teile der Organisation getragen.
Kurationsmechanismen funktionieren völlig toolunabhängig und leisten auch wertvolle Dienste für den sinnvollen Einsatz von KI-Modellen, zum Beispiel beim kritischen Hinterfragen von KI Outputs. Langfristig kann der Aufwand durch Effizienz- und Produktivitätsgewinne mehr als kompensiert werden.

Lassen sich die Auswirkungen von Content Curation auf eine Organisation messen oder vor allem beschreiben?

Stefan Diepolder: Der konsequente Einsatz von Content Curation führt zu einem verbesserten persönlichen und organisationalen Wissensmanagement und spart der Organisation viel Zeit und (Denk-)Ressourcen.
Studien haben ergeben, dass Wissensarbeiter:innen und Wissensarbeiter je nach Studie 1,8 oder 3,6 Stunden pro Tag damit verbringen (Quellen u.a: McKinsey Studie 2012 und Coveo Studie 2022) auf der Suche nach den richtigen Informationen und Personen sind.
Berechnen Sie den Return on Investment, wenn jeder Mitarbeiter und jede Mitarbeiterin nur 30 Minuten pro Tag weniger mit der Suche nach den benötigten Informationen beschäftigt ist.
Qualitativ lässt sich eine Steigerung der Mitarbeiterzufriedenheit und der Innovationskraft beobachten. Content Curation geht mit einer Veränderung der Lernkultur einher. Der Erfolg zeigt sich letztlich in einer agileren und wissensbasierten Unternehmenskultur.

Welche Voraussetzungen müssen Ihres Erachtens erfüllt sein, damit sich ein Unternehmen eine "lernende Organisation" nennen kann?

Stefan Diepolder: Meiner Meinung nach sind alle Organisationen "lernende Organisationen". Das menschliche Gehirn lernt 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Wir können nicht "nicht lernen", um das berühmte Zitat von Paul Watzlawick aufzugreifen. Entscheidend ist, was wir lernen, wie schnell neue, relevante Skills und Fähigkeiten erkannt, entwickelt, erprobt und in der Arbeit wertschöpfend eingesetzt werden.
Innovative, erfolgreiche und zukunftsorientierte Organisationen zeichnen sich durch eine Kultur des kontinuierlichen Lernens und der Offenheit für Veränderungen aus. Es ist wichtig, dass Führungskräfte persönliches und organisationales Lernen aktiv fördern und als Vorbilder agieren. Ebenso wichtig sind technologische Infrastrukturen, die den Wissensaustausch erleichtern.
Lernende Organisationen sind intern und extern gut vernetzt und zeichnen sich durch ein hohes Maß an Vertrauen aus. Die Mitarbeiter:innen werden ermutigt, ihre Erfahrungen und ihr Wissen aktiv zu teilen und Neues auszuprobieren. Es wird nicht zwischen Lernen und Arbeiten unterschieden, jede Besprechung, jedes Projekt und jedes Gespräch wird als Gelegenheit gesehen, zu reflektieren und voneinander und miteinander zu lernen.